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22.10.08 13:23 Uhr Alter: 13 Jahre
Römer unschuldig: Rätsel um Wasserleitung geklärt
Von: Hendrik Rupp / HZ
Es sah fast wie ein römischer Aquädukt aus – doch nun ist es „nur“ ein Stück Eisenbahngeschichte aus dem 19. Jahrhundert. Die Identität der historischen Wasserleitung, die beim Bau der neuen BA auftauchte, ist geklärt.

Doch kein römischer Aquädukt: Die historische Leitung, die bei den Arbeiten an der neuen Berufsakademie zum Vorschein kam (oben, mit Archäologe Dr. Peter Knötzele), stammt aus der Zeit des Baus der Brenzbahn – und diente als Dachwasser-Abfluss eines Güterschuppens.


Detektivarbeit im Archiv: Peter Michael Sträßner und Uwe Siedentop kamen dem Geheimnis der Leitung auf die Spur. Foto: hr

„Historische Wasserleitung gibt Rätsel auf“, titelte die HZ am 25. September: In der Baugrube der neuen Berufsakademie auf der einstigen Gleisharfe war eine massiv gemauerte Wasserleitung aufgetaucht. Grabungsleiter Dr. Peter Knötzele rätselte ebenso wie diverse Lokalhistoriker: Ein römischer Aquädukt? Eine mittelalterliche Wasserleitung? Doch weder passte das extreme Gefälle noch stimmte die Richtung. Und erst recht mysteriös war, dass Teile der Leitung offensichtlich mit Beton repariert waren – also im 20. Jahrhundert.

Weder Stadtbach noch die Burg auf dem Ottilienberg wollten ins Bild passen – und immer wieder verwirrte der extrem massive Bau der Leitung: Derart dicke OolithPlatten wirken einfach antik.

Doch an der Leitung sind die Römer nicht schuld: Nach wochenlangen Archivrecherchen scheint festzustehen, dass es sich bei der Leitung um ein Stück Eisenbahngeschichte handelt.

Zu diesem Schluss kommen der Ex-Stadtplaner und Lokalhistoriker Peter Michael Sträßner (HZ-Serie „Straßennamen erzählen“) sowie der Eisenbahn-Experte Uwe Siedentop, der sich besonders mit der Geschichte der Brenzbahn befasst. Siedentop hatte zunächst bezweifelt, dass die Leitung etwas mit der Bahn zu tun habe könnte. Doch dann kamen Zweifel am Zweifel auf: Pläne der 1863/64 erbauten Brenzbahn zeigten, dass die damals aufgeschüttete Gleisharfe ein komplexes Entwässerungssystem besaß. „Man hatte besonders Angst vor Dachwasser, das im Winter hätte frieren können.“ Um Schienen und Weichen nicht zu gefährden, baute man Drainagen.

Und man baute unzeitgemäß massiv: Um dem Druck der für damalige Zeiten unerhört schweren Eisenbahnen widerstehen zu können, wurde die Leitung aus dicken Oolith-Platten aus den Heidenheimer Steinbrüchen gemauert – eben das sorgte für den antiken Look.

Die Leitung verband einen Einlauf an einem damaligen Güterschuppen mit einem weiter westlich liegenden Kanal – und ist auch in diversen alten Plänen kaum ersichtlich. „Es laufen da parallele Pläne, die spinniger nicht sein könnten“, so Sträßner: Die Stadt kannte die Leitung nicht (Bahn-Eigentum), die Bahn selbst kartierte ab 1905 anders, weil das neu angelegte Industriegleis für die Firma Voith die Gleisharfe einmal mehr veränderte.

Bis mindestens 1905 wird die Leitung auch verwendet worden sein – der Güterschuppen bestand aber noch weit länger: „Die Leitung wurde nie abgebrochen, sie lag im aufgeschütteten Gelände und störte ja nicht“, so Uwe Siedentop. Doch auf den Plänen ergibt alles Sinn: Peter Michael Sträßner hat den letzten Abschnitt der Leitung mit einem Messstab untersucht, und tatsächlich steigt die Leitung kurz vor dem einstigen Güterschuppen senkrecht an die Oberfläche.

„Auch das Gefälle stimmt“, so Sträßner: 3,8 Prozent sei für Fäkalien zu wenig, aber für das Dachwasser passe es prima.

Keine Antike, kein Mittelalter – das mag ein Trost dafür sein, dass die einst rätselhafte Leitung inzwischen verschwunden ist: Im Zug des BA-Baus wurde die Leitung nach dem Vermessen abgebrochen. Einen Stein davon hat sich Sträßner als Souvenir gesichert.