Unser Büchertipp:





Kategorie: Aktuelles, Industrieanschlüsse
Altes Industriegleis im Blick - Güterverkehr - Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) regt an, im Sanierungsgebiet Sundgaustraße das seit Jahrzehnten nicht mehr genutzte Industriegleis in die Planung mit einzubeziehen.
Wer bis in die 70er-Jahre von der Südstadt in Richtung Stadtmitte unterwegs war, erinnert sich vielleicht: die damalige Robert-Bosch-Straße, heute Sundgaustraße, war damals viel befahren, und immer wieder kam es zu Stockungen: dann nämlich, wenn ein Güterwagen von den Gleisen des Bahnhofs über das rund 100 Meter lange Industriegleis auf das parallel zu den Lagergebäuden verlaufende Gleis der textilverarbeitenden Firma Wolff rangiert wurde. Auf diesem Weg nach oben überquerten Lok und Güterwagen schräg die Straße, andere Verkehrsteilnehmer mussten warten.

Seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt, aber immer noch gut sichtbar: das Industriegleis in der Sundgaustraße. Foto: Uwe Siedentop
Dieser Bahnanschluss ist heute zwar nach wie vor gut zu erkennen, ist aber unterdessen komplett vernachlässigt und zum Teil verschüttet.
Die damalige Firma Wolff gibt es nicht mehr, die Nachfolgefirmen, zuletzt Gifa, haben den Betrieb eingestellt.
Nachhaltige Planung
Jetzt hat der Verkehrsclub Deutschland (VCD) den Gleisanschluss „wiederentdeckt“ und auch bei der Veranstaltung vor wenigen Tagen, bei der es um Giengener Verkehrsangelegenheiten ging, erneut erwähnt. Der VCD Heidenheim nämlich ist der Ansicht, dass dieser Bahnanschluss gesondertes Augenmerk verdient, wenn es um die Planung des innerstädtischen Gewerbegebiets Sundgaustraße geht. Der VCD-Kreisverband mit Vorstandsmitglied Reinhard Walloschke begrüßt die Entwicklung von Gewerbegebieten in der Stadt anstatt immer nur entlang von Autobahnen. „So sieht nachhaltige Planung aus“, sagt Walloschke. Im Fall des als Sanierungsgebiet ausgewiesenen Areals zwischen der Robert-Bosch-Straße und der Sundgaustraße könnten brachliegende Flächen reaktiviert und für die Wirtschaft nutzbar gemacht werden. Dort sollte laut VCD das Industriegleis als Bestandteil der Infrastruktur beachtet und konsequent in die Planung einbezogen werden.
Zahlreiche Lkw-Fahrten sparen
„Zahlreiche Lkw-Fahrten könnten zukünftig durch Frachttransport auf der Schiene ersetzt werden.“ Speziell in Giengen seien zuletzt Klagen über den starken Lkw-Verkehr zu hören gewesen. Die Stadtverwaltung könne hier mit einem bereits vorhandenen Gleisanschluss bei möglichen Investoren sogar punkten, glaubt der VCD. „5,3 Hektar mit Schienenanbindung – das ist doch was“, so Walloschke.
Die BSH auf der anderen Seite der Bahnlinie habe sich schließlich damit bereits ein Alleinstellungsmerkmal in der Region erarbeitet.
In der Tat wickelt die BSH Hausgeräte GmbH einen wachsenden Prozentsatz des Warenverkehrs über die Bahn ab, vor allem seit dort 2010 das Container-Terminal in Betrieb genommen wurde. Dass der ungleich bescheidenere Gleisanschluss an der Sundgaustraße relativ problemlos aktiviert werden könnte, glaubt auch der Bahnexperte und Autor eines Buchs über die Brenzbahn, Uwe Siedentop.
Was seiner Ansicht nach angesichts des ausufernden Lkw-Verkehrs auch einen Gedanken wert wäre. Allerdings wäre dies ein privates Firmenprojekt, und auch der Fahrbetrieb müsste in Privatregie laufen. Bei der Stadt Giengen ist der Gleisanschluss bekannt, allzu große Bedeutung wird ihm aktuell aber nicht zugemessen. „Das Gleis ist nicht in Betrieb“, sagte Stadtplaner Günther Ingold, Aussagen über eine eventuelle Nutzung sind derzeit nicht möglich. Die Anregung des VCD habe man vermerkt.
In der Vergangenheit war das Gleis wegen der schrägen Straßenquerung auf der damals viel befahrenen Robert-Bosch-Straße nicht unumstritten. Immer wieder war es zu Unfällen gekommen, vor allem mit Radfahrern. Im September 1956 schrieb der Brenztalbote nach einer ganzen Reihe von Stürzen sogar von einer „untragbaren Verkehrsfalle“.
Eisenbahn seit 1875
Seit Juni 1875 ist die Stadt Giengen angeschlossen ans Gleisnetz der Brenzbahn. Die damalige Inbetriebnahme des Streckenabschnitts von Heidenheim über Giengen nach Niederstotzingen stellte ein epochales Ereignis dar. Schon die Reichsstadt hatte ihren Wohlstand auf Handel und zum Teil Fernhandel gegründet und war seit dem Mittelalter auf eine gute Verkehrsanbindung angewiesen. Für das bedeutungslos gewordene Landstädtchen hatte der Bahnanschluss weitreichende Folgen: Modernisierung, Industrialisierung sowie Handel mit Massengütern wären sonst undenkbar gewesen.