Die Brenztalbahn: Der Grenzbote

Der Grenzbote

Amts- und Intelligenzblatt für den Oberamtsbezirk Heidenheim

Eröffnung der Brenztalbahn am 13. September 1864

Politische Nachrichten

(Die Eisenbahnstrecke Aalen-Heidenheim.)

Diese neue Bahnstrecke, welche den 12. September feierlich eröffnet und am 15. d.M. dem allgemeinen Verkehr übergeben werden wird, ist nur kurz. Sie mißt nämlich von Aalen bis zum Bahnhof in Heidenheim genau 6 Stunden, wozu 4751 Minuten Fahrzeit erforderlich sind. Die Bahn durchläuft auch keinen der landschaftlich bedeutenderen Theile unseres Landes. Aber gleichwohl fehlen auch dieser Bahnstrecke keineswegs merkwürdige und interessante Punkte, sei es, daß wir sie der Kunst der Ingenieure oder der Natur verdanken. Indem die Brenzbahn den Bahnhof in Aalen verläßt, um gegen Süden an der alten Reichsstadt vorbei zuerst dem Kocher aufwärts zu folgen, bildet sie eigentlich die geradlinige Fortsetzung der Strecke Wasseralfingen-Aalen. Schon in geringer Entfernung von der letztgenannten Stadt waren bedeutende kostspielige und lange Zeit in Anspruch nehmende Arbeiten nöthig, weil der zu dem Eisen- und Drahtwerk Erlau gehörige Kanal verlegt werden mußte. Ganz in der Nähe befindet sich auch ein

Eisenbergwerk, welches sein Erz nach Königsbronn abzuliefern hat und jetzt durch eine kurze Zweigbahn mit dem Bahnhof in Aalen verbunden ist. Während sich nun das Thal verengert, ist bald die erste Station Unterkochen erreicht. Es ist dieß ein ansehnliches (kath.) Pfarrdorf, Sitz eines K. Kameralamts und eines (gegenwärtig stillstehenden) Hüttenwerks, am Einuß des weißen Kochers in den schwarzen Kocher. Das Dorf hat eine freundliche Lage, und namentlich die schöne, auf einer Anhöhe erbauten Kirche gewährt einen überraschenden Anblick. Der Bahnhof in Unterkochen wird künig durch besonders schöne Anlagen ausgezeichnet sein. Die Bahn führt sodann in dem ziemlich einförmigen Thale zwischen den Höhen und Felsen des Albuchs, den Kocher überschreitend, weiter zu der 2. Station bei dem (parität.) Pfarrdorf Oberkochen. Unfern dieses Orts entspringt der schwarze Kocher am Fuß des Volkmarsbergs, auf dem ein großartiger Erdfall (Wollenloch) zu einer ausgedehnten Höhle führt. Aber wir eilen

weiter und überschreiten sofort bei dem Seegartenhof zwischen Oberkochen und Königsbronn die Wasserscheide zwischen Kocher und Brenz, also auch zwischen Rhein und Donau, und damit zugleich die große von S.W. nach N.O. durchziehende europäische Wasserscheide. Diese Überschreitung einer so bedeutenden Wasserscheide geschieht aber ganz unvermerkt, weil sie nicht durch irgend eine Höhe bezeichnet ist, sondern im Thal selber liegt, 1743' hoch über dem Meer. Lieblich und malerisch winkt hier das stille, lauschige, von Bäumen beschattete Plätzchen herüber, wo der weiße Kocher entspringt. Während die Bahn bis hieher eine beständige, aber sane Steigung hatte, geht es von nun an eben dahin. Ehe wir aber Königsbronn erreichen, mögen diejenigen, welche sich auf 20 Jahre zurückerinnern können, einen Blick des Mitleids werfen auf den links sich erhebenden Zahnberg, wo eine Anzahl von daselbst verschütteten Bergleuten in einer Lehmgrube der Auferstehung entgegenschlummert. Jetzt haben wir in dem

wieder etwas weiteren Thal den Bahnhof in Königsbronn erreicht. Es lohnt sich wohl der Mühe, ehe wir weiter gehen, hier einen kurzen Aufenthalt zu nehmen, nicht nur um das bedeutende K. Hüttenwerk zu besuchen, sondern auch um mit wenigen Schritten (an dem schönen Seiler'schen Wirthschahsgarten, wo man vortrefflich bedient wird, vorbei) den höchst malerischen Ursprung der Brenz (bei der Schmiede) und des Pfeffers (bei dem Schmelzofen) zu erreichen.

Die Brenz-Quelle quillt nämlich am Fuße eines kolossalen Felsens, Herwartstein, unmittelbar aus dem Gestein heraus und bildet sofort ein rings von hohen Bäumen beschattetes Bassin, das man nicht mit Unrecht den Blautopf im kleinen genannt hat. Auf dem Herwartstein stand einst die Helfenstein'sche Burg gleichen Namens, die 1287 von dem Kaiser Rudolf zerstört wurde. Dessen Sohn, Kaiser Albrecht, stiete 1302-1303 am Fuße des Herwartstein in dem anmuthigen Thale am Brenzursprung ein mit Helfenstein'schen Gütern ausgestattetes Cisterzienserkloster. Die Gebäude dieses Klosters wurden nach ihrer Zerstörung im 30jährigen Krieg wieder aufgebaut. Erst 1588 gieng das Kloster ganz an Württemberg über, das nach der Reformation hier eine Schule errichtet hatte. In der Kirche sind viele Gedenktafeln aus Gußeisen und das steinerne Monument einer Gräfin von Helfenstein zu sehen. Doch wir müssen weiter. Auf einer großen, in Wasseralfingen angefertigten eisernen Fachwerksbrücke mit steinernen

Ortspfeilern die Brenz überschreitend kommen wir nach Itzelberg, an einem See vorüber, dessen Wasser, durch Spannung geschwellt, dazu dient, ein K. Walzwerk und einen Großhammer zu treiben. Kaum haben wir Itzelberg hinter uns, so nimmt uns ein 900' langer Tunnel auf, der mit großer Mühe in dem überaus harten Gestein des weißen Jura durch den sogenannten Siebenten Fuß hindurchgebrochen werden mußte. Haben wir den Tunnel passert, so wird das Auge überrascht durch den Anblick der Häuser von Aufhausen und Schnaitheim. Aber erst nachdem wir durch einen großartigen, 80' hohen Einschnitt in das Felsgestein des weißen Jura, beim sogen. Haken, hindurchgefahren sind, erreichen wir die vierte und vorletzte Station in dem großen, langgestreckten Pfarrdorf Schnaitheim mit seiner zahlreichen Arbeiterbevölkerung und seinen bedeutenden Steinbrüchen. Bald darauf gelangen wir (an den vormals forstamtlichen Gebäuden und über eine Straße im Dorf hinüberfahrend) immer den Berg entlang, an das Ziel

unserer Reise, Heidenheim, wo der Lokomotive vorläufig ein Halt geboten ist. Der Bahnhof von Heidenheim ist äußerst freundlich, durch schöne Maßverhältnisse ausgezeichnet und nach seinen Dimensionen (er ist 140' lang) offenbar schon für seine Zukunft berechnet. Es ist jetzt augenscheinlich, daß die geeignetste Stelle für den Bahnhof gewählt worden ist, obgleich dieser ganze weite Platz 6' hoch aufgefüllt werden mußte, denn die Fabrikstadt bietet hier mit ihren ragenden Kaminen einen ganz großstädtischen Anblick dar. Auch die Landscha trägt hier einen reizenden und zugleich großartigen Charakter. Links steigt der stille Todtenberg mit seinem Friedhof und seiner Kapelle zu saner Höhe hinan, und rechts schaut keck das Belvedere des Ottilienbergs auf die Brenz wie auf das hier einmündende Stubenthal herab. In geringer Form aber ragen auf grotesken Felsen die noch gut erhaltenen Reste des Schlosses Hellenstein empor, die uns schon aus weiter Entfernung, bis gegen Schnaitheim hin, begrüßt

hatten. Die freien Herren von Hellenstein, deren Herrscha einst den Bezirk größtentheils umfaßte, treten im J. 1150 in die Geschichte ein. Mit dem Aussterben dieses Hauses, 1307, fiel die Herrscha an das deutsche Reich; später den Grafen von Helfenstein zu Lehen gegeben, wurde sie von diesen 1448 an Graf Ulrich von Württemberg verkau, der sie 1460 an Bayern käuich überließ, bis sie 1536 dauernd wieder zu Württemberg kam. Die Stadt wird 1323 erstmals genannt, und Kaiser Karl erhob sie zum Marktort; das Schloß, welches 1519 viel vom Schwäbischen Bund gelitten hatte, wurde von Herzog Ulrich 1537 wieder neu gebaut.

Wenn wir den durch einen Verschönerungsverein mit Baumanlagen gezierten Schloßberg erstiegen haben, schweift unser Auge hinauf bis Schnaitheim und das schöne, grüne Thal hinab bis Mergelstetten. Drunten aber zu unsern Füßen liegt freundlich die ansehnliche, in die Länge gebaute Stadt, deren bedeutender Fabrikbetrieb (mechanische Baumwollweberei, Kattunmanufaktur, Weberei und Leinwandhandel, Baumwollspinnerei, Tabaksfabrik, Papierfabrik, Maschinenfabrik und Messinggießerei, chemische und Naturbleiche u. s. w.) 800-1000 Personen in der Stadt und über 1400 Weber auf dem Lande beschäigt.

Es mag zum Schluß bemerkt werden, daß die Hochbauten an der Bahnstrecke theils schon fertig sind, theils bis zum Anfang des Bahnbetriebs in der Hauptsache noch fertig werden. Von einem Versuch, von Schnaitheim an bis Heidenheim statt der gewöhnlichen eichenen Schwellen einen eisernen Unterbau zu machen, mußte wieder abgestanden werden. (Sch. M.)

Heidenheim, 13. Sept.

Die Feier der Brenzbahn-Eröffnung.

Den 12. September.

Aus der Wolke quillt der Segen, Strömt der Regen.

 

Der lange ersehnte Tag der Eröffnungsfeier der Brenzbahn von Aalen nach Heidenheim, zu welcher die Stadt Heidenheim den reichsten Festschmuck angelegt hatte, war nach einer langen Regennacht recht trübe angebrochen. Tagwache, vom hiesigen Musikverein ausgeführt, Kanonen- und Böllerschüsse vom Schloßberg herab leiteten mit Tages-grauen die Feier ein. Um 6 1/2 Uhr gieng von dem prächtig gelegenen, reich und geschmackvoll verzierten Bahnhof der erste Zug ab mit dem hiesigen Festcomite, den Festordnern und andern Eingeladenen, um in Aalen die Festtheilnehmer aus Ellwangen, Nördlingen und Stuttgart zu empfangen. Langsam fuhr er aus dem Bahnhof hinaus unter dem hübschen Portal von Tannenreis durch, von welchem der Heidenkopf vergnügt dem Zuge nachschaute. Bald war man in Schnaitheim angelangt, welches ebenfalls, der Bahnhof voran, im Festschmuck prangte und wo die ältere Schuljugend unter Anführung ihres Lehrers den Zug mit einem vielstimmigen Hoch empfieng. Rasch giengs nun der nächsten Station Königsbronn zu, an Aufhausen vorbei durch den durch eine zusammenhängende Felsmasse gebrochenen Tunnel unter dem Siebentenfuß, an Itelberg vorüber, dessen See für das Auge in der sonst ziemlich einförmigen Gegend eine angenehme Abwechslung bietet. Wie zu erwarten war, bot das gewerbereiche Königsbronn reiche, mitunter reizende Dekorationen dar. Von Königsbronn ab galt es nun die große europäische Wasserscheide zwischen dem Brenz- und Kocherursprung zu passieren, allein man war in der schon über derselben liegenden Station Oberkochen angekommen, ohne davon etwas zu merken, da dieselbe merkwürdigerweise nur durch eine unmerkliche Erhebung im Thale gebildet wird. In Oberhochen, wo es an Kränzen und Guirlanden ebenfalls nicht fehlte, wurde das Auge besonders angenehm durch die schönen Anlagen am Bahnhof überrascht, wie in der nächsten Station Unterkochen durch die reiche und sehr harmonische Decoration des Bahnhofs. Bald war das Ende der Bahn, Aalen erreicht, dessen Flaggenschmuck von ziemlicher Entfernung dem Zuge entgegenwehte. Um 9 Uhr fuhr der Zug wieder retour nach Heidenheim, die angekommenen Festgäste aufnehmend, und langte um 10 Uhr daselbst an. Einige Mitglieder des Festcomites waren zurückgeblieben, um die später angelangten Stuttgarter etc. Gäste zu begrüßen. Bei der Rückfahrt war unschwer zu bemerken, daß die Reise gegen Heidenheim hin viel interessanter sich gestaltete, als in der entgegegesetzten Richtung. Um 11 Uhr ordnete sich trotz strömenden Regens der Festzug vor dem Rathhaus nach der in Ziffer IV. des Programms festgesetzten Ordnung und bewegte sich durch die Brenzstraße nach dem Perron des Bahnhofes.

Es war keine kleine Aufgabe, hier gegen 1 Stunde auf den nächst ankommenden Zug zu harren, da der Regenfall sich noch steigerte. Doch sah man keine mißvergnügte Gesichter, auch das zahlreich herbeigeströmte Landvolk ließ sich nicht dadurch stören. Die trefiche, zum Feste engagierte Artillerie-Capelle aus Ludwigsburg und der Sängerclub suchten durch Musik und Gesang die Zeit zu kürzen. Der um 12 Uhr anlangende, mit Kanonen- und Böllerschüssen und ungeheurem Jubel empfangene Hauptzug führte eine sehr große Anzahl von Gästen aus Stuttgart herbei, worunter die Herren Minister v. Linden, Staatsraht v. Sigel, Direktor v. Dillenius etc., welche von Hrn. Stadtschultheiß Winter und dem Comite begrüßt wurden. Als der Festzug die neu ankommenden Festgäste aufgenommen hatte, bewegte er sich wieder dem Gasthofe zum Ochsen zu, wo er sich auöste, um die Theilnehmer unter das schützende Dach zu bringen. Die Festtafeln in den Gasthöfen zum Ochsen, zur Traube und zum Schwanen waren bis auf das letzte Couvert hinaus besetzt. Die Festfreude kam hier und mußte bei der sehr guten, zum Theil glänzenden Bewirthung hier zu ihrem vollen Ausdruck kommen, weil der andauernde Regen ihre Entwicklung in den Straßen und auf freien Plätzen unmöglich machte. Die Toaste, welche im Gasthof zum Ochsen, wo die offiziellen Festgäste tafelten, sich Schlag auf Schlag folgten, galten von Herrn Carl Zoeppritz Seiner Majestät dem König, von Herrn Staatsrath v. Sigel der Stadt Heidenheim, von Herrn Minister v. Linden den Ständekammern, von Herrn Präsidenten Weber dem deutschen Vaterlande, von Herrn Dr. Freisleben den Mitgliedern der Ständekammer, wiederum von Herrn Minister Linden dem vormaligen Bezirksbeamten, Regierungsrath Maier, und dem Herrn Stadtschultheiß Winter, von diesem den bürgerlichen Collegien etc. Abends um 5 Uhr gestattete der nachlassende Regen noch einen Zug über das Schloß durch die untere Vorstadt, die Haupt- und Olgastraße auf den Bahnhof, von wo Abends um 6 Uhr der abgehende Zug unter tausendstimmigen Hoch die verehrten Festgäste entführte.

B. Den 13. September.

Blauer Himmel kehret wieder, Und die Wolken sind entfloh'n.

Der immer schöner sich gestaltende, bald vom hellen Sonnenschein bestrahlte Morgen des 2. Festtages lockte eine sehr große Zahl hiesiger Einwohner an den Bahnhof, um an der von der K. Eisenbahndirektion unentgeltl. veranstalteten Festfahrt nach Wasseralfingen Theil zu nehmen. Auf jeder neuen Station nahm der Zug wieder durch die Liberalität des Zug begleitenden Herrn Oberbauraths Morlok eine Menge neuer Passagiere jeglichen Standes und Alters auf, und kam endlich ganz gehörig belastet in Aalen und Wasseralfingen an. Ein gemeinschaliches Mittagessen im Gasthaus zum Schlegel vereinigte eine größere Zahl der Mitfahrenden auf einige Stunden, Andere fanden in Aalen ihre Erquickung. Der Nachmittag wurde zum Theil der Besichtigung der großartigen K. Eisenwerke daselbst gewidmet, und in der Fortsetzung in der Gartenwirthscha des Gasthauses bei der trefichen Musik angenehm verlebt. Abends waren 21 Wagen mit 2 Lokomotiven kaum groß genug, die Menge der Passagiere wieder nach Hause zu bringen.

Es war 1/2 8 Uhr, als der Zug in Heidenheim anlangte und für die Ballgäste hohe Zeit, sich zu dem Festball zu richten, welcher im neuen Saale des Gasthofs zum Ochsen die Eröffnungsfestlichkeiten beschließen soll. Nach der Fahrlust vom heutigen Tag zu schließen, müßte der neuen Bahn eine bedeutende Frequenz prophezeit werden. Freilich wird sich das schon in der nächsten Tagen ändern, wenn die heute wirkenden günstigen Bedingungen wegfallen. Hoffen wir, daß diese neue Bahn bald ihren Anschluß nach den Süden hin finde und unsere Stadt und Bezirk dann auch nach der andern Seite direkt mit dem europäischen Schienennetze in Verbindung komme.