Die Brenztalbahn: Auswirkungen von 21 in Aalen

Auswirkungen von 21 in Aalen, oder der disintegrierte Fahrplan

Stuttgart will mit S 21 angeblich das Herz Europas werden. Das Bahn-Herz Ostwürttembergs ist Aalen schon seit 150 Jahren und das mit nur fünf Gleisen. Seit der Einführung des integralen Taktfahrplans in den 1990er Jahren pumpt dieses Herz jede Stunde dreizehn Minuten lang mit Ruhe und Gemütlichkeit. Hören wir ihm zu:

 

In der 22. Minute jeder Stunde kommt der Regionalzug aus Ulm an, hält 6 Minuten und fährt weiter nach Crailsheim bzw. Ellwangen. In der 25. Minuten kommen Regionalzüge aus Stuttgart und Donauwörth an. In der 31. kommt der Regionalzug aus Crailsheim bzw. Ellwangen an, hält 2 Minuten und fährt weiter nach Ulm. In der 35. fahren die Regionalzüge nach Stuttgart und Donauwörth wieder zurück. Die Umsteigezeiten aus allen 4 Himmelrichtungen betragen, mit wenigen Ausnahmen, 4 bis 13 Minuten.

Nicht genug der Gemütlichkeit, denn alle 2 Stunden und um die halbe Stunde von den Regionalzügen versetzt, pumpt das Herz extra schnell. Da trifft sich der schnelle IRE-Zug aus Ulm mit den Intercities, die zwischen Nürnberg und Karlsruhe pendeln, und fährt nach sechzehn Minuten zurück nach Ulm. Da bleiben die Personenzüge in Bewegung. Dank der kurzen Umstiege ist der Aalener Bahnhof in der übrigen Zeit mehr leer als besetzt – außer wenn ein Rangierzug die Industrie bedient oder ein Güterzug durchrauscht.

 

Doch mit S 21 ist’s mit Ruhe und Gemütlichkeit vorbei. Wer das Stresstest-Audit lesen kann, weiß: In Ostwürttemberg wird vieles anders! Die günstigen, klaren, weil ein- oder zweistündlichen Umsteigeverbindungen in alle Richtungen gehören der Vergangenheit an. Das Bahn-Herz Aalen bekommt Klappenfehler, sozusagen. Nicht bloß deswegen, weil es den ganztägigen 30Minuten-Takt nach Stuttgart gibt, anstatt nur zu Stoßzeiten. Die Züge zwischen Ulm und Ellwangen wechseln sich nicht mehr auf Gleis 3 ab, sondern besetzen jeweils Gleis 3 und 4 gleichzeitig. Der RE aus Donauwörth besetzt immer Gleis 5 für eine halbe Stunde , denn Gleis 1 muss frei bleiben – nicht nur für den ICE, sondern wegen der RE-Züge, die auf Gleis 2 einfahren. Abwechselnd kommen sie über Stuttgart aus Tübingen und Ulm. In Aalen auf Gleis 2 können sie aber nicht mehr stehen, bis sie zurückfahren. Vorher kommt entweder der ICE oder der nächste RE aus Stuttgart an. Also muss der erste RE auf Gleis 2 herausgefahren werden. Erst wenn der ICE nach Stuttgart weg ist, kann der RE auf Gleis 1 einfahren, kurz anhalten und hinterher fahren. Güterzüge werden seltener einfach durchrauschen, sondern häufig die Gleise in der Gütergleisgruppe vor den Ausbesserungswerkhallen besetzen bzw. sich durch mehrere Weichenverbindungen hindurchschlängeln.

 

Mit S 21 ist es mit der Gemütlichkeit beim Umsteigen vorbei. Aus Stuttgart nach Ellwangen steigt man nicht mehr stündlich in 3 Minuten um, sondern abwechselnd in 2 (unmöglich) oder 6 Minuten; nach Heidenheim in nicht mehr 8, sondern in abwechselnd 1 (!) oder 5 Minuten. Wie man sieht, muss hier noch deutlich optimiert werden. Wie soll man in 2 Minuten mit schweren Koffern und Kindern umsteigen? In Richtung Stuttgart: aus Ellwangen hat man abwechselnd 8 oder 11 Minuten Umsteigezeit, und aus Heidenheim sind es 6 oder 15 Minuten.

 

Die heute beliebte Kombination IRE aus/nach Ulm und IC nach/aus Stuttgart ist nicht vorgesehen, bzw. muss verbessert werden. Nach dem derzeitigen Entwurf für S 21 beträgt die Umsteigezeit zum ICE in Aalen  57 bzw. 55 Minuten, zum nächsten RE unmögliche 2 bzw. 1 Minute.  Dagegen sind die 11 bzw. 9 Minuten Umsteigezeit zum ICE nach/aus Nürnberg wenig länger als heute. Außerdem liegt der IRE auf der Brenzbahn ungünstig, denn er fährt nur wenige Minuten, statt einer halben Stunde versetzt zum RE.

 

Lachende, oder wenigstens lächelnde Dritte sind die Umsteiger aus Westhausen bis Donauwörth. All die Jahre haben sie keinen Anschluss an den Intercity gehabt, aber für den ICE soll die Umsteigezeit nur 9 Minuten betragen. So kommt Stuttgart den Bopfingern eine Viertelstunde näher. Außer wenn man lieber mit dem Regionalzug fährt; dann erhöht sich die Umsteigezeit nach Stuttgart von 10 auf 14 Minuten, nach Heidenheim von 6 auf 16 (IRE) bzw. 20 (RE). Aus Stuttgart wartet man auch nicht mehr 10, sondern 15 Minuten, und aus Heidenheim nicht mehr 13, sondern 18 (IRE) oder mit RE abwechselnd 22 oder 31 Minuten.

 

Die Firma sma, die die Simulationen für den Stresstest im Juli herausgegeben hat, hat die Verschlechterungen in Aalen erkannt. Sogar nach der September-Korrektur gibt die sma zu bedenken, dass die Gleisbelegung in Aalen (und die Anschlüsse bislang) nicht angepasst werden konnten.

 

Die Bahn scheint sich (vorläufig) nicht darum zu scheren. Ihr ist Aalen nicht Herz, sondern Knoten. Damit Ostwürttemberg keine Herzschmerzen bekommt muss noch einiges optimiert werden.

 

Dr. Paul Anderson, Aalen